Fallstudie: Karen - Übersetzungsmanagerin
Ein Küchenmesser und eine widerspenstige Kartoffel beendeten beinah Karens Übersetzerkarriere, bevor sie überhaupt begonnen hatte! Sie hatte gerade ihren Dolmetscher- und Übersetzerabschluss mit der Note 2,1 an der Heriot-Watt University in Edinburgh gemacht und war nun erpicht darauf, eine Stelle als Trainee Translator [unternehmensinterne Nachwuchsübersetzerin] zu finden. Als sie also von einem sehr angesehenen Übersetzungsunternehmen eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch/Test erhielt, konnte sie ihr Glück gar nicht fassen. Das Glück wendete sich jedoch am Abend vor dem besagten Vorstellungsgespräch, als sie beim Kartoffelschälen versuchte, sich den rechten kleinen Finger abzuschneiden… Unverzagt, mit genähtem und verbundenem kleinen Finger, erschien sie am nächsten Tag zu ihrem Vorstellungstermin, tippte die geforderten Testübersetzungen auf eher ungelenke Weise auf einer altmodischen Schreibmaschine und war ganz begeistert, als man ihr anschließend die heißbegehrte Junior-Stelle anbot.
Ganz gleich, wie gut die Übersetzerausbildung auch gewesen sein mag, - und Karen lobt den Heriot-Watt-Kurs immer noch in höchsten Tönen! - der plötzliche Übergang vom gemütlichen Umfeld einer universitären Sprachenfakultät in die raue Realität der Wirtschaftswelt ist ein Schock. Wie Karen betont: "Die Erkenntnis, dass andere Leute für meine Arbeit bezahlen und sich meine Fehler genauso wenig leisten können wie ich mir selbst, bestimmt fortan natürlich das Denken. Glücklicherweise schenkte mir die Arbeit unter der Aufsicht eines erfahrenen unternehmensinternen Übersetzers das Selbstvertrauen, über mich hinauszuwachsen. Ich genoss die Gewissheit, dass, wenn mir in jener Anfangsphase ein Fehler unterlaufen sollte, sein erfahrenes Adlerauge ihn sofort erspähen würde." Sie fügt hinzu: "Der beängstigende Teil beginnt, wenn das Sicherheitsnetz irgendwann unter einem weggezogen wird und man auf sich allein gestellt ist!" Dank der geduldigen und fähigen Anleitung durch ihren Mentor fühlte sich Karen letztlich bereit und fähig, der Herausforderung zu begegnen, als schließlich der Moment für sie kam, es allein zu wagen.
Nach mehreren Jahren als unternehmensinterne Übersetzerin wollte Karen ihren Horizont erweitern und auf anderen Gebieten arbeiten, um dadurch ihr Vokabular- in Englisch, Französisch und Deutsch - in verschiedenen Bereichen zu vergrößern. Während der nachfolgenden fünfzehn Jahre arbeitete sie für eine Reihe verschiedener Unternehmen, wobei sie Kenntnisse erwarb, die ihr bei ihrer späteren Tätigkeit als freiberufliche Übersetzerin zugute kamen. So arbeitete sie zum Beispiel mehrere freudvolle Jahre in der Agrarwirtschaft, wo sie als Vertragsmanagerin Saatkartoffeln in Länder wie Algerien und Marokko verkaufte. Diese Tätigkeit ermöglichte ihr, sowohl ihre Fremdsprachenkenntnisse als auch ihren landwirtschaftlichen Hintergrund zu nutzen. Dies wiederholte sich bei mehreren Reisen nach Brüssel, wo sie anlässlich verschiedener Veterinärkonferenzen dolmetschte - eine "nervenaufreibende, aber vollkommen berauschende Erfahrung", wie sie sich heute erinnert. Anschließend arbeitete sie einige Jahre für ein Unternehmen im Hoch- und Tiefbauwesen und erlernte auf diesem Weg ein vollständig neues Vokabular in Englisch! Mit dieser nützlichen Kombination aus Übersetzungserfahrung und Kenntnissen in zwei sehr unterschiedlichen Branchen wagte sie schließlich den Sprung in die Selbständigkeit und gründete ihre eigene kleine Übersetzungsagentur, die sie mehrere Jahre erfolgreich leitete.
Wahrscheinlich würde sie das auch heute noch machen, hätte ihr nicht vor etwa drei Jahren eine befreundete deutsche Übersetzerin per E-Mail ein Stellenangebot zugeschickt. Karen erzählt: "Meine Freundin meinte, dass diese Stelle als Managerin für ein junges, aufstrebendes und ‚hippes' Online-Übersetzungsunternehmen geradezu perfekt für mich sei, zumal ich drei kleine Kinder zu versorgen hatte und diese Arbeit von zuhause aus erledigt werden konnte." Sie fügt hinzu: "Anfangs war ich von der Tatsache, dass dieses Unternehmen so stark auf das Internet fokussiert war, ganz schön eingeschüchtert. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich damals vor allem zurückgescheut bin, was technisch komplizierter war als das Einlegen einer Diskette!"
Die Aussicht auf eine neue, spannende Herausforderung erwies sich letzten Endes jedoch als unwiderstehlich, und so fand sich Karen nach einem Vorstellungsgespräch und wenigen Wochen auf der nächsten - und bei weitem herausforderndsten - Stufe ihrer Übersetzerlaufbahn wieder. "Ich war anfangs quasi Mädchen für alles", erklärt sie. "Ich bewertete Übersetzer und warb sie an, leitete die Projekte, übernahm das meiste Korrekturlesen, verhandelte mit Kunden und übersetzte die kleineren und dringenden Texte selbst, wenn dies nötig war." Sie ergänzt: "Während der ersten 18 Monate war es völlig chaotisch. Meine Familie fühlte sich vollkommen von mir im Stich gelassen, obwohl ich die ganze Zeit zuhause in meinem dortigen Büro war!" Nach einem Jahr und einem phänomenalen Wachstum erreichte das Unternehmen jedoch einen Punkt, an dem zwei weitere Projektleiter eingestellt wurden, um die anfallende Arbeit aufzufangen. Karen fährt fort: "Wir haben in den folgenden drei Jahren weiter expandiert, und durch den stetigen Zuwachs an neuen Kollegen wurde das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben allmählich wiederhergestellt." Heutzutage ist Karen weniger in der täglichen Projektleitung eingespannt und widmet ihre Zeit mehr dem Bereich interner und externer Kommunikation. Ihr derzeitiges Aufgabengebiet umfasst das Schreiben des monatlichen internen Rundbriefs, der die 40 Mitarbeiter darüber informiert, was im Unternehmen geschieht. Außerdem stellt sie ein monatliches Bulletin für Kunden zusammen, das eine Mischung nützlicher Informationen, Hinweise und Anekdoten enthält, und schreibt hin und wieder einen Newsletter, der die etwa 900 freiberuflichen Übersetzer des Unternehmens über für sie relevante Neuigkeiten und technische Entwicklungen auf dem Laufenden hält.
Auf die Frage, ob sie mit ihrer gewählten Laufbahn zufrieden ist, antwortet sie mit Überzeugung: "Wenn ich wieder vor der Wahl stünde, würde ich mich wohl wieder genau dafür entscheiden! Ich betrachte mich als echten Glückspilz, weil ich eine berufliche Laufbahn gefunden habe, die mir so viel Freude bereitet, immer wieder unerwartete Herausforderungen mit sich bringt und das Leben somit spannend macht!" Erfreulicherweise ist auch der kleine Finger noch immer erfolgreich im Einsatz…
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